Plenardebatte am 7.11.13 zum Antrag der Fraktion der CDU und Stellungnahme des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport : „Kommt eine Bestandsgarantie für die Realschule?“

„Manchmal schärft es den Blick für etwas, wenn man sich seine Geschichte verdeutlicht. Reale, das heißt an der Sache, der gegenständlichen Welt orientierte Bildung existiert laut Wikipedia seit dem frühen Mittelalter. Entsprechende Bildungseinrichtungen nahmen dann im 18. Jahrhundert einen Aufschwung, und hier begegnet uns auch die erste Realschule mit diesem Namen. Nach dem 2. Weltkrieg wurden die Mittelschulen nach der vor allem in Preußen etablierten Realschule ausgerichtet und umbenannt. Die Realschule hat also bereits eine beachtliche Geschichte hinter sich, aber ihre Philosophie einer Orientierung an der realen Welt ist doch geradezu topaktuell. Die Berufsorientierung als Querschnittsaufgabe, die Auswahl der Lerngegenstände zum Zweck einer praktischen Anwendung, die an die Lebenswelt der Schüler anknüpfende Didaktik und die konsequente Förderung von Leistungsbereitschaft haben die Realschule nicht nur zur Schule des sozialen Aufstiegs schlechthin, sondern auch zu einer exzellenten Vorbereitungseinrichtung für die spätere Berufswelt gemacht. Erzählt man in anderen Ländern Europas und der Welt, dass uns hierzulande die Gemeinschaftsschule als der letzte pädagogische Schrei verkauft werden soll, schüttelt man dort nur den Kopf. Man beneidet uns weltweit um ein differenziertes Bildungswesen, dessen Rückgrat die Realschule und die beruflichen Schulen bilden. Denn das berufliche Schulwesen einschließlich der dualen Ausbildung und die Realschule bilden, wenn auch institutionell eigenständig, eine untrennbare Einheit.

Natürlich wehrt sich die grün-rote Landesregierung gegen den Vorwurf, sie wolle erfolgreichen Schularten wie der Realschule oder den beruflichen Schulen zu Leibe rücken. Gar heftig fallen die Verteidigungsreden und leidenschaftlichen Lippenbekenntnisse zur Realschule aus, wie wir gerade schon wieder hören durften. Dieses übertriebene und unglaubwürdige Verhalten ist in Wahrheit nichts als ein groß angelegtes Täuschungsmanöver, das in starkem Kontrast zu Ihrem Regierungshandeln steht. Es ist die Realschule, die mit am meisten die Konsequenzen aus der unüberlegt und vorschnell abgeschafften verbindlichen Grundschulempfehlung zu tragen hat. Die Realschule sieht sich mit einer erheblich vergrößerten Heterogenität bei der Schülerschaft und deren Leistungsfähigkeit konfrontiert. Die Realschule muss nun den gesamten bildungspolitischen Unverstand der Landesregierung auszugleichen versuchen, was selbst die Realschullehrerinnen und Realschullehrer mit ihrer unaufgeregten, pragmatischen und leistungsorientierten Herangehensweise vor manche Probleme stellt, was wiederum nicht von Vorteil für die Schülerinnen und Schüler ist.

Aber dass die Realschule unter Druck geraten ist, ist Ihnen im Grunde genommen gerade recht. Denn nachdem bei der zweiten Gemeinschaftsschul-Tranche nur vier Realschulen dabei waren und ansonsten hauptsächlich um ihren Standort kämpfende kleine Haupt-/Werkrealschulen, hat Ihnen der Gemeinschaftsschul-Vordenker, Prof. Torsten Bohl, ins Stammbuch geschrieben, dass ohne Realschüler und Gymnasiasten der Gemeinschaftsschule kein Erfolg beschieden sein wird. Spätestens diese Nachricht hat Grün-Rot veranlasst, die Daumenschrauben für die eigensinnigen Realschulen anzuziehen. Wie so etwas geht? Man entwirft beispielsweise einen neuen Bildungsplan, was so etwas ist wie das Grundgesetz einer Schule, und da finden die Realschulen nicht mehr statt. Und wer es da noch nicht gemerkt hat, dass die grün-rote Zukunftsrechnung ohne die Realschulen stattfindet, dem wurde es spätestens klar, als der Ministerpräsident seine Zwei-Säulen-Lehre verkündete. Das Wesentliche dazu steht im ersten Begründungssatz des Antrags der CDU, pardon CDU-Landtagsfraktion – diese Unterscheidung ist an dieser Stelle wichtig: „Mit der Einführung des sogenannten ‚Zwei-Säulenmodells‘ ist das Ende der Realschule für Grüne und SPD beschlossene Sache. Künftig wird es nur noch en Gymnasium und eine Gemeinschaftsschule im Land geben – so hat es der Ministerpräsident am 17. Juli 2012 angekündigt.“ Ich kann die CDU-Landtagsfraktion nur auffordern, ihre Ablehnung der Zwei-Säulen-Lehre auch in der eigenen Partei weiter zu halten – alles andere bedeutet in der Konsequenz das Aus für die Realschule und die beruflichen Schulen.

Und an Herrn Stoch kann ich namens der FDP/DVP-Fraktion nur appellieren: Wenn es Ihnen ernst ist mit einem vielfältigen und differenzierten Schulwesen, wie es der neue Elternprospekt Ihres Hauses glauben machen will, dann überlassen Sie es dem freien Spiel der Kräfte, ob eine Realschule oder eine Gemeinschaftsschule vor Ort gewünscht wird. Stoppen Sie die dritte Tranche der Gemeinschaftsschulen, unter deren Anträgen wiederum nur 15 Realschulen sind. Wenn wir mehr wissen über die Gemeinschaftsschulen, sollten die Verantwortlichen vor Ort die entsprechende Entscheidungen hinsichtlich der Schulangebote treffen können. Eine regionale Schulentwicklung, die den Namen verdient, macht aus den Landeszuwendungen ein Budget, mit dem die Verantwortlichen vor Ort ihr Bildungsangebot eigenständig gestalten können. Und geben Sie den Realschulen eine Bestandsgarantie – anders ist in der verfahrenen Situation kein verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Vertrauen ist aber eine notwendige Voraussetzung, um etwas Tragfähiges auf die Beine zu stellen.“

Es gilt das gesprochene Wort.

Rede als PDF-Dokument: Kommt eine Bestandsgarantie für die Realschule