Dr. Timm Kern: „Vor der Landtagswahl 2011 hätte ich es mir als damaliger Gymnasiallehrer nicht im Traum vorstellen können, dass die Landesregierung eines der erfolgreichsten Bildungssysteme, das wir in Deutschland hatten, in einem derart atemberaubenden Tempo umkrempeln würde. Bis 2011 hatten wir nämlich in Baden-Württemberg erstens die niedrigste Sitzenbleiberquote, zweitens die niedrigste Schulabbrecherquote und drittens die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit von allen 16 Bundesländern.
Dabei war und bin ich keineswegs grundsätzlich gegen Reformen, schließlich sind Schulen immer auch Abbild von gesellschaftlichen Entwicklungen, so dass sie sich selbstverständlich auch fortentwickeln müssen.
Was ich aber vehement ablehne, ist, dass Grün-Rot in der Schulpolitik seit nunmehr vier Jahren kaum einen Stein auf dem anderen lässt. Allein durch die Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung haben sich die Sitzenbleiberzahlen in den fünften Klassen von Gymnasien und Realschulen landesweit um 300 Prozent bzw. um 500 Prozent erhöht! Jeder kann sich ausmalen, was dies für die betroffenen Kinder an Frustrationserfahren bedeutet. Hinzu kommt ein dramatisches Aussterben von Haupt- und Werkrealschulstandorten, die ohnehin schon stark vom demografischen Wandel betroffen waren.
Was ist zu tun? Wir brauchen in der Bildungspolitik dringend mehr Verlässlichkeit und Planbarkeit. Die konkrete Schulsituation vor Ort hängt momentan viel zu stark von der politischen Großwetterlage in Stuttgart ab. Unser Land braucht einen „Schulfrieden“, bei dem sich die Parteien auf verlässliche Rahmenbedingungen einigen, um den Schülern, Eltern, Lehrern und Kommunen mehr Planungssicherheit zu gewährleisten.
Im Oktober 2014 habe ich im Namen der FDP ein umfangreiches „Schulfriedenspapier“ im Landtag vorgestellt, auf das sich die Parteien nach meiner Ansicht bei gutem Willen in vielen Punkten einigen könnten. Gelänge dieser überparteiliche „Friedensschluss“, würde uns dies an die Spitze aller Bundesländer katapultieren, schießlich herrscht dort häufig ebenfalls unfruchtbarer Parteienzank um Schulstrukturen. Wir wären wieder „Trendsetter“ im Bildungsbereich und könnten uns endlich mit den wichtigeren Bildungsinhalten beschäftigen. Sollte die FDP 2016 mitregieren, werde ich mich dafür einsetzen, dass es zu verlässlichen Schulstrukturen kommt, die von Regierung und Opposition gemeinsam getragen werden.“ Veröffentlicht am 9. April 2015 in der Neckar Chronik