Die grün-rote Landesregierung kippt den Besuch der Berufsfachschule.  Als FDP Fraktion haben wir einen Antrag zur Zukunft der Werkrealschulen eingebracht.

Es ist mir ein Rätsel, warum die Landesregierung das zentrale Element zur Stärkung der berufspraktischen Ausrichtung der neuen Werkrealschule einfach wieder kassieren will: in Klasse 10 sollten die Werkrealschüler an zwei Tagen pro Woche eine Berufsfachschule besuchen. Das hätte ihnen vor allem wertvolle Einblicke in die berufliche Praxis ermöglicht. Dies soll nun wegfallen.

Pressemitteilung zum Thema: „Kern: Grün-Rot demontiert die neue Werkrealschule“

Hierzu meine Rede im Landtag:

„Herr Präsident/Frau Präsidentin, verehrte Kolleginnen und Kollegen,

es gibt Dinge, die sind für einen neu gewählten Abgeordneten schlicht ein Rätsel. Zum Beispiel, warum die Landesregierung das zentrale Element zur Stärkung der berufspraktischen Ausrichtung der neuen Werkrealschule einfach wieder kassieren will. Es handelt sich um die Klasse 10 der Werkrealschule, in der die Schüler an zwei Tagen pro Woche eine Berufsfachschule hätten besuchen sollen. Das hätte ihnen vor allem wertvolle Einblicke in die berufliche Praxis ermöglicht und erste berufsbezogene Kenntnisse vermittelt.

Im Klartext: Hiermit hätten sich reelle Chancen für junge Menschen ergeben, sich beruflich zu orientieren und vielleicht schon einen beruflichen Weg einzuschlagen. Da nun im grün-roten Koalitionsvertrag viel von zusätzlichen Chancen durch Bildung gesprochen wird, erscheint dieses Vorhaben der Landesregierung umso rätselhafter.

Und auch aus der Beantwortung unserer Anfrage zur Werkrealschule geht keine wirkliche Begründung hervor, warum die Kooperation mit den Berufsfachschulen fallen muss.

Wir Liberalen schlagen vielmehr vor, diese Kooperation für alle vor Ort befindlichen beruflichen Schulen zu öffnen. Dies würde die Angebotspalette der beruflichen Orientierungsmöglichkeiten für die Werkrealschüler erheblich erweitern.

Leider ist auch dieser Vorschlag in der Beantwortung unserer Anfrage abschlägig beschieden worden. Gründe für die Ablehnung werden nicht genannt. Da sich die grün-rote Koalition den Bürgerdialog auf die Fahnen geschrieben hat, überrascht mich auch die Art und Weise der Anfragenbeantwortung.

In einem echten Dialog setzt man sich nach meiner Erfahrung ernsthaft mit den Argumenten seines Gegenübers auseinander und führt darauf eigene Argumente an. Ein freundliches Lächeln im Umgang, aber Desinteresse in der Sache sind jedenfalls keine Kennzeichen eines echten Dialogs.

Für das wesentliche Organisationsproblem der neuen Werkrealschule, über das sich FDP und CDU mit dem Kultusministerium in der vergangenen Legislaturperiode die Köpfe zerbrochen haben, gehen Sie, meine Damen und Herren auf der Regierungsbank, mit geradezu atemberaubender Leichtigkeit – oder vielmehr: Leichtfertigkeit – hinweg.

Es geht um die Frage der Mindestgröße einer Werkrealschule. Denn während die Konzeption der alten Landesregierung vorsah, dass eine Werkrealschule zweizügig sein muss, kann in Ihrer Konzeption auch jede einzügige Hauptschule mit einem 10. Schuljahr Werkrealschule werden. Da fragt man sich doch: Warum hat es sich die alte Landesregierung mit der Mindestschulgröße so schwer gemacht, wenn es doch scheinbar so einfach geht?

Wenn man sich das Werkrealschulkonzept genauer ansieht, wird deutlich, weshalb eine gewisse Mindestgröße erforderlich ist. Vor allem die drei Wahlpflichtfächer ab Klasse 8, die Sie zwischenzeitlich auch schon einmal kippen wollten, aber glücklicherweise wieder davon Abstand genommen haben – diese drei Wahlpflichtfächer also sollte jede Werkrealschule anbieten können, damit jeder Werkrealschüler auch die Wahl hat.

Hier stellte sich jedoch die Frage: Was wird aus den einzügigen Hauptschulen? Die FDP hat seinerzeit den Vorschlag gemacht, dass sich auch mehrere Hauptschulen zu einer Werkrealschule zusammenschließen können bzw. eine Werkrealschule auf mehrere Standorte verteilt sein kann. Nach zähem Ringen und einem Verwaltungsgerichtsurteil hat sich diese Position dann durchgesetzt.

Auf all dieses hätten Sie von Grün-Rot nun ohne Weiteres aufbauen können. Wie auch bei der Kooperation mit den Berufsfachschulen ist ein qualitativ hochwertiges und vielfältiges Schulangebot an der neuen Werkrealschule für Sie kein Thema bzw. nicht gewünscht. Schließlich ist die neue Werkrealschule für Sie ein ungeliebtes Kind.

In der vergangenen Legislaturperiode haben Sie die Werkrealschule erbittert bekämpft, vermutlich weil Sie nicht in Ihr Weltbild passt. Dass die von Ihnen schlechtgeredete Hauptschule mit der Werkrealschule eine Weiterentwicklungsperspektive bekommen hat, die obendrein sehr gut von den Gemeinden angenommen wurde, muss Ihnen ein Dorn im Auge sein. Ihr Herzensanliegen ist eben die Gemeinschaftsschule, wie Sie allerorten bekunden. Das sei Ihnen selbstverständlich zugestanden.

Wenn man sich aber die Eckpunkte zu Ihrer Gemeinschaftsschule ansieht, kann ich ein anspruchsvolles pädagogisches Konzept jedenfalls bislang aber nicht erkennen. Dass Sie nun möglicherweise im Umkehrschluss andere Schularten ihrer anspruchsvollen pädagogischen Konzepte berauben, macht die Sache nur noch schlimmer, denn sie rauben damit jungen Menschen echte Zukunftschancen.

Statt überkommener Schulstrukturdebatten, zu denen ich auch die Zweigliedrigkeitsforderung zähle, brauchen wir pragmatische Weiterentwicklungen unseres Schulwesens, die die Qualität voranbringen. Hierfür ist die Werkrealschule ein Erfolg versprechendes Beispiel.

Haben Sie deshalb den Mut, verehrte Kolleginnen und Kollegen von den Regierungsfraktionen, und lassen Sie die Vielfalt der Schularten zu. Sichern Sie auskömmliche und faire Rahmenbedingungen für einen Wettbewerb der pädagogischen Konzepte im besten Sinne, ohne einseitig zu privilegieren oder einzugreifen. Das wird die Qualität unseres Schulwesens sichern und befördern.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!“